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FT: Pandemie ist sein einziges Handicap

Pandemie ist sein einziges Handicap

Von Daniel Ruppert (Fränkischer Tag vom 26.Mai 2020)

Michael Klingert wurde mit einer verkümmerten rechten Hand geboren, lernte aber schnell, mit der Behinderung zu leben. Erst das Coronavirus hat es geschafft, den Alltag des 25-Jährigen inklusive Sport empfindlich zu stören.

Fünf Kilometer in 24:40 Minuten. Laufen kann Michael Klingert ohne Probleme. Schließlich beschränkt sich seine Behinderung auf die rechte Hand. Messlatte waren starke 21:34 Minuten. Vorgelegt vom Trainer. Bei der Challenge „Beat the Coach" von Klingert und seinen Teamkollegen zu unterbieten – mit Beweis via App. Der 25-Jährige ist aber kein Leichtathlet und auch kein Fußballer: Michael Klingert spielt Handball. Seit 2015 beim HC Forchheim. Denn der Bezirksoberligist suchte vor fünf Jahren nach einem Linkshänder für die Rechtsaußen-Position. Doch nicht seine körperliche Einschränkung, sondern die Pandemie bremst den Erlanger zum ersten Mal in seinem Leben aus. Die Saison 2019/20 wurde am 13. März unterbrochen und am 23. April für vorzeitig beendet erklärt. „Es ist schon komisch, so von 100 Prozent auf Null."

Ausweis bleibt daheim

Klingert wird mit einer Behinderung geboren: Seine rechte Hand ist zu einem Stumpf verkümmert, die Finger sind verformt, deutlich kleiner und dünner. Wirklich eingeschränkt fühlt er sich dadurch aber nie. Der Ausweis – Behindertengrad 40 Prozent – liegt daheim in der Schublade. „Ab einem Grad von 50 Prozent stünden mir fünf Urlaubstage mehr zu", sagt der 25-Jährige schmunzelnd. Klingert wächst in Erlangen auf. Seine Eltern erziehen ihn so, dass er schnell lernt, trotz Einschränkung alles machen zu können. Es gibt immer eine Lösung, lautet die Parole. „Mein Vater hat einen Knoten erfunden, damit ich die Schnürsenkel meiner Schuhe mit einer Hand binden konnte." Beim Wintersport entscheidet sich Michael wegen der Stöcke gegen das Skifahren und fürs Snowboarden. 

Vor Corona normaler Handgruß

Schon als Kind merkt er: Je normaler ich mit meiner Behinderung umgehe, desto normaler reagieren meine Mitmenschen. Zur Begrüßung streckt er normalerweise ohne zu zögern seine rechte Hand aus. In Zeiten der Corina-Krise verzichtet er darauf. „Ich finde es interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Leute darauf reagieren“, erzählt er. Manche schütteln sie, andere haben Hemmungen.

Klingert hat aus seiner Beeinträchtigung auch Vorteile, zieht diese aber meist nur unfreiwillig. In der Schule hat er bei manchen Prüfungen zehn Prozent mehr Zeit als die Klassenkameraden. Im Fach Textverarbeitung benutzt er eine privat angeschaffte, kleinere Tastatur für Menschen mit einer Hand. „Für Großbuchstaben muss ich nicht eine Taste gedrückt halten, sondern nur einmal anschlagen, dann ist der nächste Buchstabe automatisch groß“, erklärt der Sportler.

Zehenknochen in der Hand

Klingert geht in Kindergarten und Schule, hat Freunde und tobt auf dem Spielplatz. Gleichzeitig versuchen die Ärzte, seine Situation weiter zu verbessern. „Ich bin früher regelmäßig zu einem Handchirurgen nach Hamburg“, berichtet er. Dieser setzt ihm einen Knochen aus der Zehe in die Hand, um die Flexibilität zu erhöhen. Er solle nur Sportarten betreiben, bei denen die Arme gleichmäßig belastet werden. „Fußball war nie so meins, daher habe ich mich im Schwimmen und Reiten versucht.“
Im Wasser fühlt sich Klingert wohl, nimmt an Wettbewerben für Menschen mit körperlicher Behinderung teil. „Die meisten hatten deutlich größere Einschränkungen als ich. Ich habe oft mit großem Vorsprung gewonnen und fand es unfair. Das war nicht mein Maßstab“, erzählt der Erlanger, der deshalb fortan nur noch aus Spaß schwimmt. Zum frühestmöglichen Zeitpunkt macht er den Führerschein. Sein Handchirurg gibt das Okay für ein Schaltgetriebe zwar nicht, doch nach einem kleineren Unfall ist der 25-Jährige bei einem Arzt in Nürnberg. „Er sagte, wenn ich mir das zutraue, unterschreibt er mir den Wisch für den TÜV.“
Als die Wachstumsphase abgeschlossen ist, probiert Klingert Tennis aus. Über den Schulsport gelangt er zum Handball – erst mit 18 Jahren. Er geht zum HC Erlangen, wo er in der zweiten A-Jugendmannschaft aufläuft. Bei den Herren reiht er sich in der damals noch vorhandenen vierten Mannschaft ein. „Manchmal durfte ich in der Dritten aushelfen“, erinnert sich Klingert, der inzwischen als Disponent bei UVEX in Fürth arbeitet.
Dann kommt die Anfrage aus Forchheim. Der HC ist eine Mannschaft, die für ihre schnellen Gegenangriffe bekannt ist. Eine Spielweise, die Klingert nicht liegt. „Ich tue mir mit dem Fangen leichter, wenn das Tempo niedriger ist“, sagt er. Dennoch nimmt er die Herausforderung an. Was vermutlich die Wenigsten wissen: Klingert ist kein geborener Linkshänder: „Die Ärzte haben damals über Gehirnströme festgestellt, dass ich Rechtshänder wäre.“

Michael Klingert hadert nicht

In welcher Liga würde der 25-Jährige heute wohl spielen, wenn er seine starke linke Hand zum Werfen, seine rechte zusätzlich zum Fangen benutzen könnte und schon als Kind mit dem Handball begonnen hätte? Solche Gedankenspiele liegen Klingert fern. „Aber Harz würde mir helfen“, sagt er. Die Substanz, die für Ballhaftung und damit zusätzliche Kontrolle sorgt, ist in den meisten Hallen aber verboten.
Der HC ist zwar auch unter dem neuen Trainer Matthias Gieck, mit dem Klingert eine Fahrgemeinschaft bildet, nicht vom Tempohandball abgerückt, aber die Mitspieler stellen sich auf den Rechtsaußen ein. „Sie werfen mich präziser und nicht so stark an.“ Zu viel Hilfe hat Klingert gar nicht nötig, wie ein Kellner in Garmisch-Patenkirchen erfuhr. „Ich war zu Besuch bei meinem Bruder. In einem Restaurant bot mir der Ober an, das Essen zu schneiden“, erzählt er mit einem Grinsen. Das Angebot lehnte er dankend ab.

 

Trainer Matthias Gieck: Unsere Taktik hat sich mit ihm nicht verändert

Den Abbruch der Saison findet Matthias Gieck schade, aber vernünftig, da Handball eine Vollkontaktsportart sei. Sogar ein regulärer Beginn der kommenden Spielzeit ist für den Coach des Bezirksoberligisten HC Forchheim schwer vorstellbar. Ein normales Training, geschweige denn Spiel, ist nicht in Sicht. „Die Hallen werden wohl am längsten geschlossen bleiben", sagt der 38-Jährige, der vorerst auch auf die Fahrgemeinschaft inklusive ausgiebiger Gespräche mit Rechtsaußen Michael Klingert verzichten muss.

Seit wann und woher kennen Sie Michael Klingert?
Matthias Gieck: Ich habe ihn schon vorher in Erlangen spielen sehen, aber erst richtig kennengelernt, als er vor fünf Jahren zu uns gewechselt ist und ich noch aktiv gespielt habe. Ich finde es bemerkenswert, dass er mit der Einschränkung Handball spielt.

Wie bewerten Sie seine handballerischen Fähigkeiten?
In den vergangenen zwei Jahren hat er einen großen Schritt gemacht, vor allem körperlich. Als wir 2018 aus der Landesliga abgestiegen und Leistungsträger weggegangen sind, hat er seine Chance genutzt.

Wie groß war die Umstellung für Trainer und Teamkollegen?
Minimal. Es fällt kaum ins Gewicht. Es kommt selten vor, dass er einen Ball fallen lässt, den er mit zwei gesunden Händen hätte fangen können. Unsere Taktik hat sich mit ihm nicht verändert. Unsere Spielzüge sehen nicht anders aus, wenn er oder ein Teamkollege auf Rechtsaußen spielt.

Welche Reaktionen auf Michael Klingerts Behinderung – positiv wie negativ – haben Sie in den fünf Jahren erlebt?
Die Reaktionen sind ausschließlich positiv. Wenn wir nach einem Spiel mit Leuten vom Gegner zusammensitzen, kommt häufig Hochachtung vor seiner Leistung zur Sprache. Michael kommt gut damit zurecht und geht offen damit um. Innerhalb der Mannschaft gibt es deswegen schon mal einen Spruch, über den er dann selbst lachen kann. Zum Beispiel: „Fang den Ball doch mit zwei Händen!"

Die Fragen stellte Daniel Ruppert

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